Prolog
Der Geruch von Bratkartoffeln hing in der Luft, schwer und warm.
Isabel, mit ihren 6 Jahren, saß am Küchentisch, die Beine baumelten über dem Boden. Ihr Buntstift kratzte über das Papier, ein Haus mit vielen Fenstern, jedes hell erleuchtet. Daneben ein zweites, ganz dunkel. Kein Licht. Kein Leben.
Ihre Mama stand am Herd und bereitete das Abendessen zu.
Isabel sah auf, beobachtete, wie ihre Mutter den Pfannenwender benutzte, wie der Dunst aufstieg.
Ein merkwürdiges Ziehen machte sich bemerkbar.
Hatte sie Hunger?
Nein.
Das war etwas anderes. Sie sah wieder auf ihr Bild und begriff …
»Mama?«
Die summte weiter, drehte die Kartoffeln in der Pfanne. »Hm?«
»Mach den Wasserkocher heute nicht an.«
Ihre Mutter drehte sich halb zu ihr, das Lächeln kam automatisch.
»Warum denn nicht, Schatz?«
Isabel zuckte die Schultern. »Weil das Licht dann ausgeht, und du weißt doch, ich mag das Dunkel nicht.«
Sie nahm einen anderen Stift, um das Schwarz in den Fenstern des gemalten Hauses noch stärker auszumalen.
Die Tür knarrte. Isabel sah auf. Ihre Oma stand im Türrahmen.
Die Augen unheilvoll auf sie gerichtet. Isabel wurde kalt. Wenn Oma gehört hatte …
»Was redest du da wieder? Du sollst die Worte des Teufels nicht aussprechen.«
Isabel spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte. Ihre Mutter drehte sich zu ihnen um.
»Mutter! Hör auf mit diesem Unfug. Isabel hat nur eine lebhafte Fantasie, das hat nichts mit dem Teufel oder sonst was zu tun …«
Die alte Frau presste die Lippen zusammen, die Falten um ihren Mund wurden tiefer.
»Sehen ist eine Gabe des Teufels, der Zigeu-nerbrut vorbehalten. Du musst dem Einhalt ge-bieten, oder ihre Seele ist für immer verloren«, murmelte sie und drehte sich um. Ihre Schritte verklangen im Flur, doch der kalte Hauch blieb.
Isabel starrte ihr nach, dann auf ihre Zeichnung.
»Meinst du, sie hat recht? Aber ich kann doch gar nichts dafür, ich meine … ich sage doch nur, was ich sehe …«, flüsterte sie mit Tränen in den Augen.
Ihre Mutter kniete sich zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter.
»Nein, Liebes, sie hat nicht recht, du hast nur sehr viel Fantasie. Das ist normal in deinem Alter. Oma hat nur vergessen, wie das war, als sie klein war.«
Isabel wollte ihrer Mutter glauben, doch tief in ihrem Inneren war ihr klar, dass ihre Oma an-derer Ansicht war.
Und irgendwo hinter dem dunklen Haus auf ihrem Papier glaubte sie für einen Herzschlag lang etwas huschen zu sehen.
*****
Stunden später, das Essen längst gegessen, senkte sich eine wohlige Ruhe über das Haus.
Isabel half ihrer Mutter beim Abwasch, während die Oma im Wohnzimmer vor sich hinmurmelte.
Vermutlich hatte sie den Rosenkranz in der Hand und betete. Das tat sie immer nach dem Essen, egal wo sie war. Sogar im Restaurant.
Eigentlich hatte Isabel keine Lust auf Abwasch, aber noch weniger wollte sie irgendwo allein sein, wo die Oma sie ungesehen anschreien oder ihr wehtun konnte.
Ja, Oma tat ihr weh, schlug sie sogar, doch meist glaubten ihr ihre Eltern nicht, und wenn doch, sagte ihr Vater oft, sie habe es wohl verdient.
Nein, in Omas Nähe fühlte sie sich nicht sicher. Wenn es irgendwie ging, blieb sie in der Nähe anderer Erwachsener, dann beschränkte die alte Frau sich auf Worte. Die taten auch weh, aber nicht so schlimm wie …
Sie stellte gerade einen Teller in den Schrank, als sie aus dem Augenwinkel sah, wie ihre Mutter den Wasserkocher anmachte.
»Mama, nicht …!«
Doch es war zu spät.
Das Klicken des Schalters löste ein lauteres Wusch aus – und alles wurde dunkel.
Schwarz.
»Verdammt, das war die Sicherung«, flüsterte Mama und zog das Handy aus der Tasche.
»Ich hatte dir doch gesagt …«, begann Isabel, als das kalte Licht der Handylampe zitternd den Raum in ein gespenstisches Licht tauchte.
»Ja, mein Schatz, ich hab nicht mehr dran gedacht …«
Ihre Mutter wandte sich Richtung Flur und wollte zum Sicherungskasten, als die Oma sie zur Seite stieß.
Ein Aufschrei zerriss die Stille.
»Ich hab’s gewusst! Das Kind hat den Teufel im Leib!«
Die alte Frau drängte sich an der Mutter vorbei und packte Isabel am Arm.
»Gib zu! Du bist schuld! Du bist mit dem Teufel im Bunde!«
Isabel wich zurück, stolperte gegen den Stuhl, versuchte dem Griff zu entkommen. Doch die Oma drückte nur noch fester zu.
Sie fing an zu weinen. »Au … du tust mir weh … lass mich los.«
Ihre Mutter hatte den Schreck überwunden und stellte sich zwischen die beiden. »Hör auf!«, schrie sie die Oma an und stieß diese zurück. Das Handylicht zuckte zwischen ihnen.
Endlich ließ die Oma los, und Isabel versteckte sich hinter ihrer Mutter.
»Du spinnst doch! Das war nur die Sicherung, weiter nichts! Ein Zufall, hörst du?«
»Zufall?«, kreischte die Alte. »Sie hat schon öfter in die Zukunft geschaut. Sie ist mit dem Teufel im Bunde, und wenn nicht das, dann ist sie zumindest besessen. Früher hätte man ihr dafür den Prozess gemacht!«
Die Mutter schob Isabel hinter sich. »Bist du jetzt völlig durchgedreht? Du fasst mein Kind nie wieder an!«
Einen Moment lang standen sie sich gegenüber. Dann drehte sich die Oma abrupt um und stieß den Rosenkranz gegen ihre Brust.
»Satansbraten«, zischte sie und verschwand im Flur.
Isabel zitterte. Das Licht des Handys flackerte über ihren Arm; dort, wo Omas Finger zugedrückt hatten, färbte sich die Haut bereits dunkel.
Ihre Mutter kniete sich zu ihr. »Alles gut, Liebling. Oma ist nur etwas verstört. Ich kläre das mit ihr. Es war ja nur die Sicherung. Mehr nicht.«
Isabel nickte, doch sie wusste, dass diese Frau alles andere als verstört war. Sie glaubte an jedes Wort, das sie sagte – und sie würde es Isabel büßen lassen, wenn ihre Eltern nicht dabei waren.
Ein dumpfes Pochen begann hinter Isabels Stirn, ein warnender Druck, als würde etwas Unsicht-bares im Dunkel des Flurs lauschen.