Ahanit Lucindra

Wahn und Zukunft Leseprobe

Prolog 

Der Wind sang ein heiseres, kaltes Lied, das durch das Geäst fuhr.

Wie gebrochene Finger kratzten die Äste gegen den Himmel, als wollten sie ihn aufreißen.

 

Werner Schuster saß auf einer Parkbank.

Das Holz unter ihm war feucht und morsch, die Farbe abgeblättert wie Erinnerungen, die keiner mehr wollte.

Er war alt. Ausgezehrt.

Nicht nur seine Kleidung war zerschlissen – auch seine Geschichte war nur noch Fetzen.

Eine gescheiterte Biografie in Menschengestalt.

 

Seine Lippen bewegten sich.

Kaum sichtbar. Kaum hörbar.

Worte, die nicht für diese Welt bestimmt waren.

Zu leise für Ohren, die nur das Offensichtliche hören wollten.

 

Worte für die Schatten.

 

Nicht im übertragenen Sinn.

Die echten.

 

Sie waren da. Immer.

In Mauerritzen.

Im Flackern der Laternen.

Im Atem der Stadt.

In seinem Kopf.

 

Er hatte sie gesehen.

Er hatte gehört, gespürt.

Sie beschrieben.

Vor ihnen gewarnt.

Geschrien.

 

Das Ergebnis?

 

Diagnosen und Medikamente.

Menschliche Kälte.

Dann die Straße.

 

Doch die Schatten waren real.

Und sie wurden stärker.

 

Ein Zucken durchfuhr seine Hand.

Die Finger verkrampften sich, als würde etwas durch ihn hindurchgreifen.

 

»Sie kommen … der Schleier … er wird reißen …«, flüsterte er.

Sein Blick flackerte.

 

Eine Vision von der anderen Seite, hinter dem Schleier.

Jenseits dessen, was für andere Menschen Sichtbar war.

 

Eine Frau – Mia Wagner – gebeugt über einen Tisch, die Finger an einem vergilbten Umschlag.

Ein Bild des Jetzt aber von einem anderen Ort.

 

Die Vision zuckte.

Flackerte. Wie ein harter Schnitt.

 

Er sah sich selbst.

Ein Münztelefon.

Mitternacht.

Eine tickende Uhr.

 

»Ich verstehe«, murmelte er.

Die Vision war ein Befehl.

Ein Auftrag.

 

****

 

Der 24-Stunden-Waschsalon war ein Kadaver aus Beton, ausgebleicht von Zeit und Einsamkeit.

Die Wände atmeten Feuchtigkeit, die Fliesen nass, leicht klebrig. Einzig die Stalaktiten und Stalagmiten fehlten, um den Raum mit einer feuchten Höhle zu vergleichen.

Neonröhren warfen ein kaltes Licht auf leere Trommeln.

 

Das Surren der Maschinen klang wie das Flüstern von Dingen, die lieber schweigen sollten.

Es roch nach Waschmittel und abgestandenem Leben.

 

Draußen, am Bordstein, kauerten zwei Junkies.

Ihre Schatten zuckten im Neonlicht wie abgerissene Seelen.

Ihre Augen waren glänzend. Leer.

Gierig und schon längst nicht mehr ganz hier.

 

Werner stand an der Wand.

Seine Kleidung klebte an der Haut, als würde sie ihn festhalten wollen.

 

Die Schatten waren bei ihm.

Näher als sonst.

Unruhig.

Drängend.

 

Er sollte die Nachricht überbringen. Jetzt.

 

Das Münztelefon wartete.

Ein Fossil wie er selbst. Ein Relikt aus einer Zeit in der man nicht immer verfügbar war.

Ein stummer Zeuge der Zeit.

 

Fast Mitternacht.

Die Uhr tickte. Leise.

Es war sein Countdown.

 

Er hob den Hörer.

Die Münze fiel.

Ein letztes Echo.

 

Seine Finger zitterten nicht mehr.

 

Es klingelte, einmal, zweimal.

 

»Wagner.«

 

»Der Umschlag. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.«

 

Seine Stimme war nur ein Flüstern.

Mehr nicht.

Dann… Stille.

 

Er hängte den Hörer auf und wandte sich zur Tür.

 

Draußen verschmolzen die Schatten mit der Nacht.

Die Junkies blieben reglos sitzen.

Hatten sie es gespürt?

Oder waren sie längst nicht mehr Teil dieser Welt.

 

Werner Schuster ging, langsam.

Wie jemand, der seine Schuld bezahlt hat.

 

Doch in seinem Nacken summte noch immer die Warnung:

 

‚Der Schleier wird dünner.

Die Schatten jagen nicht allein.‘



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

* Du musst den Datenschutzbestmmungen zustimmen um einen Kommentar zu hinterlassen