Prolog
Ein lauer Sommerwind fuhr durch die Baumwipfel und ließ das Laub leise flüstern.
Johanna saß allein auf einer Bank am Rande des verwahrlosten Spielplatzes.
Verrostete Schaukeln und gebrochene Balken warfen lange Schatten, Geister vergangener Kindheit.
Früher hatte sie hier mit ihrer Mutter gesessen.
Manchmal auch mit ihrem Vater.
Damals, vor zehn Jahren, als sie noch Familie waren.
Mit dem ersten Schultag hatte sich alles verändert.
Die Arbeit war wichtiger geworden. Der Platz an ihrer Seite blieb leer.
Der Spielplatz war ein Spiegelbild ihrer selbst.
Verlassen. Vernachlässigt. Still.
Niemand hörte den stummen Schrei nach Nähe.
So wie niemand sie, Johanna hörte.
Wenn sie verschwindet, würde es überhaupt jemand merken?
Die Abendsonne warf ihr goldenes Licht auf das Grün – ein letzter Segen, bevor das Zwielicht kam und die Welt teilte. Warm und vertraut auf der einen Seite, kühl und fremd auf der anderen.
Hier fühlte sich Johanna sicher.
Es war der einzige Ort, der noch Erinnerungen in sich trug. Der einzige Ort, an dem sie irgendwann einmal gelacht hatte.
Diese Zeit war vorbei.
Sie schlug die Akte auf ihrem Schoß auf.
Grauer Karton, vergilbte Seiten, ein Geruch von feuchtem Papier und etwas anderem – schwer zu benennen. Wie etwas, das begraben war. Erdig, modrig.
Irgendwie musste sie sich beschäftigen.
Und diese Unterlagen, gefunden in der alten Villa, wirkten interessanter als alles andere.
Die Villa, das war der zweite Ort, den sie mochte, wo sie Zuflucht suchte.
Ein Haus, das sich trotzig gegen Einsamkeit und Verfall stellte. Genau wie sie.
Ihr Smartphone vibrierte. WhatsApp, von ihrer Mutter:
‚Schatz, wird spät heute. Nicht vor zehn. Mach’s dir gemütlich.‘
Gemütlich. Was für ein Hohn.
Einsamkeit war alles, aber nicht gemütlich.
Sie strich sich eine grüne Haarsträhne aus dem Gesicht.
Die Farbe, ein stiller Versuch, gesehen zu werden. So still wie gescheitert.
‚Starke Emotionen können Manifestationen auslösen, die Art und Stärke ist dabei abhängig von der Reinheit des Blutes.‘
Seltsamer Satz. Der Typ, der das geschrieben hatte, war sicher ein Freak.
Oder ein Autor.
Sie stellte sich vor, dass jemand wie Jason Dark aus diesen Zeilen seine Dämonen formte.
Vielleicht war das die Erklärung für die Akten.
Ein Mystery- oder Horrorautor. Recherchematerial.
Verloren zwischen Papierbergen, längst vergessen im Zeitalter von Wikipedia.
Apropos: Sie hatte schon wieder ihre Hausaufgaben nicht gemacht.
Aber warum auch?
Selbst wenn die Lehrerin ihre Eltern anrief – erreichen würde sie niemand.
‚… starke Emotionen können manifestierend wirken.
Die Manifestationen sind umso greifbarer, je reiner die Abstammung ist …‘
»Ah ja«, murmelte Johanna, runzelte die Stirn.
Ein Rascheln.
Knackendes Holz.
Sie fuhr hoch und sah sich um.
War das ein Ast?
Oder ein Schritt?
Sie hob den Kopf. Die Stille war plötzlich schwer.
Ihre Stimme durchbrach sie, wie ein Stein das stille Wasser.
»Ist da jemand?«
Keine Antwort.
Nur das Wispern der Blätter bewegt vom Wind. Oder etwa nicht?
Wieder wollte sie sich der Akte widmen, da hörte sie ein metallisches Knirschen. Alt. Unheimlich.
Die Schaukel bewegte sich leicht.
Der Wind, ganz sicher, nur der Wind.
Ein kalter Hauch strich über ihre Arme, wie eine Zustimmung.
Die Akte hatte wohl ihre Sinne vernebelt.
Ja, das musste es sein.
Doch im Augenwinkel, Etwas huschte am Rand entlang.
Sehr schnell.
Ein Schatten?
Sie fuhr herum.
Nur die Bäume.
Knorrig, verzogen.
Wie Hände, die nach ihr griffen.
Ein Schauer kroch ihren Nacken hinauf.
Sie schluckte.
Johanna hörte Lachen.
Kindlich.
Hell. Fremd.
Sie stopfte die Akte in ihren Ranzen, stand auf.
»Hallo?«
Kurze Stille. Doch dann kam Lachen zurück. Jetzt waren es zwei.
Verwoben, verzerrt.
Das konnte nicht sein.
Hier war nie jemand, nie.
Das Zwielicht kroch näher, die Sonne ertrank langsam hinter dem Wald.
Wieder das Lachen.
Diesmal näher.
Etwas bewegte sich am Rand der Bäume.
Klein. Schnell. Dunkel.
Johanna riss den Kopf herum.
Nichts.
Nur die rostige Schaukel.
Aber … sie schwang.
Immer mehr, immer stärker. Immer höher.
Das war nicht der Wind.
Etwas Unsichtbares spielte dort.
Ihr Herz pochte.
Die Hände waren feucht.
Sie ging einen Schritt auf die Schaukel zu. Noch einen.
Das Lachen wurde zu einer Kakofonie aus Freude. Erinnerung. Schmerz.
Sie streckte die Hand aus.
Ihre Finger schlugen gegen kaltes Metall.
Ein Schlag durchzuckte sie. Wie Strom, eher schlimmer.
Ein Bild explodierte in ihrem Kopf.
Ein Junge.
Er schaukelte.
Hoch. Höher.
Seine Mutter lachte.
Ein Mädchen jagte ihren Vater über den Spielplatz.
So viel Leben. Wärme. Vergangenheit.
Aber nicht ihre Eigene.
Johanna schrie nicht. Zumindest nicht laut aber ihr Inneres umso lauter.
Das Rauschen in ihrem Kopf war wie ein Sturm.
Tränen.
Schmerz.
Die Welt flackerte.
Dann nichts mehr.
Als sie zu sich kam, hatten die Schatten den Spielplatz erobert.
Das Lachen war verstummt.
Ein Rascheln im Gebüsch.
Ein Tier?
Das Karussell drehte sich.
Langsam. Knarrend.
Es ging kein Wind.
Und doch bewegte es sich.
Wie von Geisterhand.
Eis griff nach ihrem Herzen.
Das war keine Einbildung.
Keine Halluzination, kein Wahn.
Das hier war echt.
Johanna sprang auf, rannte.
Ihre Stiefel schlugen auf den Waldboden.
Ihr Atem war flach. Das Herz pochte wild.
Der Weg zurück schien länger als zuvor.
Das Zwielicht hinter ihr fraß die Welt, Stück für Stück.
Die Schatten krochen näher.
Ein Ast knackte hinter ihr.
Nicht umdrehen. Bloß nicht umdrehen.
Ein letzter Sprint.
Da war die Straße.
Laternenlicht und Autos in der Ferne.
Die Zivilisation erschien wie eine trügerische Sicherheit.
Johanna keuchte, die Hände auf den Knien.
Die Lunge brannte, als sie versuchte zu Atem zu kommen.
Sie wagte einen Blick zurück.
Ein Schatten war dort zwischen den Bäumen.
Bewegungslos und irgendwie fehl am Platz.
Oder doch nicht?
Hatte sie es sich vielleicht eingebildet.
Oder …
… was hatte in der Akte gestanden?
Gefühle die Dinge manifestieren?
Sie schluckte, wandte sich fort von der Dunkelheit.
Zurück in eine Welt, in der Geister nur in Geschichten lebten.
Mia Wagner
Die Luft im Bus war dick und abgestanden. Sie lag wie ein feuchter Lappen auf der Brust.
Wieder einmal … Stau. Wie jeden Morgen.
Mia Wagner stieß einen genervten Seufzer aus, der im monotonen Brummen der Lüftung und dem Gemurmel der Fahrgäste unterging.
Draußen schob sich die Sonne langsam über die Dächer Frankfurts brütend, aggressiv, gnadenlos.
Doch Mia hatte keinen Blick für das flirrende Licht.
Auch das Blechmeer auf der Mainzer Landstraße war ihr egal.
Ihr Blick hing an der digitalen Uhr des Busses.
Zehn Minuten verspätet. Und der Tag hatte noch nicht einmal richtig begonnen.
In ihrem Kopf liefen längst die ersten Prozesse an.
Klienten. Akten. Telefonate.
Zu viele Geschichten. Zu wenig Lösungen.
Zu viele Schicksale. Zu wenig Zeit.
Jeder Fall ein eigenes Universum in all seiner Unendlichkeit.
Zerrissene Familien. Jugendliche ohne Halt.
Mütter, die zu viel ertrugen.
Kinder, die längst nicht mehr sprachen.
Mia hatte Soziale Arbeit studiert, in der Hoffnung, dass sie etwas verändern könnte.
Doch dieser Traum war, schon lange ausgeträumt.
Heute verwaltete sie mehr, als dass sie half.
Aber manchmal, ganz selten, war da dieser Moment, in dem jemand nicht aufgab, sondern kämpfte. Bereit war, etwas zu ändern, anstatt nur Schuld zu suchen.
Dann wurde ihr wieder klar, wofür sie es tat.
Mia schloss kurz die Augen.
»Ich brauche Kaffee.«
Endlich, die Haltestelle kam.
Sie stieg aus dem Bus wie jemand, der sich aus einer zu engen Jacke befreite.
Der Tag drückte schwer auf ihren Schultern und der Terminkalender in ihrer Tasche erschien fast wie aus Blei.
Noch einen Moment Ablenkung, durch den Geruch von frisch gemahlenem Kaffee.
Die Schlange vor dem kleinen Café war wie immer lang. Aber sie war Stammgast, das hatte Vorteile.
Der Barista grinste. »Spät dran heut?«
»Frankfurt spielt wieder Verkehrsroulette.«, antwortete sie mit einem müden Lächeln und zählte ihr Kleingeld.
Er wusste längst, was sie wollte.
Die Maschine röhrte auf. Dampf, der über der Theke hing.
Er stellte ihr den Becher hin, noch bevor sie ganz vorn war.
»Danke. Wir sehen uns!« rief sie und schob sich schon wieder in Richtung Tür.
Der heiße Becher in ihrer Hand war mehr als nur Koffein.
Er war ein kleines Ritual. Eine Kampfansage an den Tag.
Jeder Schluck, Stark und Bitter.
Pure Lebensenergie.
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Die Familienhilfe lag nur ein Haus weiter.
Mia nahm die Stufen im Eiltempo, drückte sich durch die Eingangstür und warf im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick auf die Uhr.
Sie wusste, in ihrem Büro türmten sich die Akten.
Kein Dekostapel, kein Papiertheater, sondern echte Schicksale.
Jede Mappe wollte Aufmerksamkeit. Drängte. Brauchte.
Aber Mia hatte nur zwei Hände. Und ein einziges, müdes Herz.
Sie tat, was sie konnte, jeden Tag.
Und trotzdem fühlte sie sich oft wie ein Jongleur im Zirkus, einer, dem man ständig neue Keulen zuwarf, ohne die alten je zurückzunehmen.
Mia erreichte ihr Büro.
Ihr Blick glitt über das kontrollierte Chaos, das sie Arbeitsplatz nannte. Regale bis zum Bersten gefüllt, Aktenordner, lose Zettel, Notizen auf Post-Its.
Geduldete Unordnung. Dokumentiertes Leiden.
Jeder Ordner stand für Menschen, Familien. Jeder eine Geschichte. Ein Problem mit Ablaufdatum.
Zwei Schreibtische teilten sich den Raum.
Der Gegenüberliegende war leer, unberührt.
Ihr Kollege war wohl schon unterwegs.
Irgendwo zwischen Bürokratie und Notfall
Mia nahm einen schnellen Schluck Kaffee.
Dann landete der Becher auf dem Schreibtisch – und die Akte Lorenz direkt in ihrer Tasche.
Sie war ihr kleiner Lichtblick heute.
Die Frau war auf einem guten Weg, ihr Kind zurückzubekommen.
Und für genau solche Momente lebte Mia.
Dafür lohnte sich der ganze Wahnsinn.
Sie griff wieder nach dem Becher, als die Tür mit einem Ruck aufflog.
Erschrocken verriss sie die Hand, der Kaffee schwappte über. Gerade noch rechtzeitig zog sie sich zurück.
Die braune Brühe verfehlte ihr T-Shirt nur knapp und klatschte stattdessen auf den Boden.
Im Türrahmen stand Markus Rieber.
Freundliche Augen, zerzauster Haarschopf, leicht außer Atem und ein Problem im Gepäck. Also wie immer.
»Mia!«, keuchte er. »Hab dich grad noch erwischt. Fünf Minuten?«
Mia schüttelte den Kopf, ihr Blick huschte zur Uhr.
»Ich hab gleich den Termin bei Frau Lorenz. Bin eh schon spät dran.«
»Ich weiß, ich weiß, aber nur ganz kurz. … Irgendjemand muss diese Woche noch mit Frau Schmidt über die Notwohnung sprechen. Es ist dringend. Sonst steht sie nächste Woche buchstäblich auf der Straße.«
Er sah sie flehend an.
Markus Rieber, der Mann mit dem Dackelblick.
Unfair, aber meistens effektiv.
»Ich bin komplett voll. Könntest du das übernehmen? Bitte, Mia.«
Sie seufzte.
Immer dasselbe Spiel.
Immer derselbe Druck.
Aber sie hatte noch ein paar Lücken im Kalender.
Kleine Lücken. Ohne Pausen. Aber Lücken.
»Schick mir ’ne Mail. Ich schau, wo ich’s dazwischen quetsche. Ohne Garantie. Mein Wochenplan ist so … frei von Freizeit.«
Sie versuchte zu lächeln. Ob es ihr gelang, wusste sie nicht.
»Du bist die Beste!«
Markus war schon wieder auf dem Sprung, Aktentasche im Takt seines Schrittes.
Mia schüttelte den Kopf, nahm einen letzten tiefen Schluck Kaffee und griff nach ihrer Tasche.
Jetzt musste sie aber wirklich los.
Sie holte ein Auto aus dem Fuhrpark.
Und dann ging es einmal quer durch die Stadt.
Die Realität wartete nicht.
Und auch nicht der nächste Fall. …