Prolog
Herr Dörfler wischte sich die Hände an der Hose ab, als er aus dem gläsernen Eingang der Zeitarbeitsfirma trat.
»Wir melden uns, wenn wir was für Sie haben.« Dieser Satz nagte in seinem Kopf, schwerelos und doch bedrückend, leer wie das verlassene Büro im dritten Stock.
Auf dem Bürgersteig blieb er unschlüssig stehen. Da klopfte ihm jemand auf die Schulter.
»Peter! Alter Haudegen!«
Er drehte sich um, ein alter Kollege stand hinter ihm: Klaus Bender.
Sein Grinsen war zu breit, seine Augen funkelten unnatürlich hell. Die Bewegungen wirkten fahrig, als hätte er einen Liter Kaffee intus oder etwas Stärkeres.
»Hey, du siehst gut aus, Klaus und so fröhlich.«
»Danke, ja.« Klaus’ Stimme vibrierte, als stünde er unter Strom. »Ich hab den Weg raus aus diesem Mist gefunden.«
Er drückte ihm einen Flyer in die Hand, ein glänzendes Faltblatt, goldene Lettern auf dunklem Grund: Akademie für Erfolg und Zukunft.
»Die geben dir Hoffnung, haben viele Kniffe auf Lager und das Beste, das Basis-Bewerbungsseminar ist kostenlos«, sprudelte es atemlos aus Bender heraus.
»Geh da mal hin! Die zeigen dir, wie man’s richtig macht. Und sie haben noch ganz viele Aufstiegsqualifikationen im Angebot, die dir helfen, dich besser zu positionieren. Die Firmen werden sich um dich reißen.«
Dörfler musterte seinen alten Kollegen. So euphorisch hatte er ihn nie gesehen. Fast wirkte er berauscht. Doch er erwähnte es nicht. Stattdessen steckte er den Flyer ein.
»Danke für den Tipp. Das Jobcenter ist etwas knausrig mit den Fortbildungen, aber so ein kostenloses Training kann ja nicht schaden.«
Ja, so ein Training brauchte er. Zwanzig Jahre im selben Betrieb, und nun …
Die Arbeitswelt hatte sich verändert und auch die Art, wie man eine Bewerbung erstellte. Eine Auffrischung konnte da wirklich nicht schaden.
*****
Der Raum war nüchtern, weiße Wände, Stuhlreihen, ein Rednerpult. Peter Dörfler saß in der dritten Reihe. Anfangs war er enttäuscht. Standardphrasen über Bewerbungsmappe, Lebenslauf, Vorstellungsgespräch, nichts, was er nicht schon in Büchern oder auf Webseiten gelesen hätte.
Dann betrat der eigentliche Vortragende den Raum. Ein Mann mit einem Blick, der die Anwesenden nicht nur ansah, sondern förmlich durchbohrte. Und gleichzeitig war es ihm, als könne er seine Erscheinung nicht klar erkennen.
Ein Anzug, der auf Maß geschneidert schien, zu elegant für diesen Raum. Und eine Stimme, die tief, eindringlich klang, als sei sie nicht ganz von dieser Welt.
»Erfolg ist kein Zufall«, sagte er. »Erfolg ist ein Mindset. Sie müssen Ihr Unterbewusstsein umprogrammieren. Autosuggestion. Positive Verstärkung. Nur wer sich selbst von seinem Wert überzeugt, überzeugt auch andere.«
Zunächst hörte es sich an, als würde er nur einfache Phrasen wiederholen, die man überall anders fand.
Doch irgendetwas war anders. Dörfler spürte einen leichten Druck, als lege sich ein Nebel über seine Gedanken. Die Worte sickerten in seinen Kopf, leise, stetig, fast wie Tropfen, die auf einen Felsen fielen, um ihn langsam auszuhöhlen.
Immer mehr Watte legte sich um seine Gedanken. Alles wirkte unwirklich und gleichzeitig beruhigend.
Er nickte, ohne zu wissen warum. Seine Hand zitterte, die Bilder vor seinen Augen begannen zu verschwimmen. Als würde sich ein Schleier oder eine Wasseroberfläche zwischen ihm und der Umgebung befinden.
Eine tiefe Ruhe ergriff ihn. Frieden. Glück.
Lachen. Seine Kinder, die fröhlich spielten.
Und dann war da das Bild von einem großen Haus und einem teuren Auto.
Ja, das war es. Dorthin wollte er.
Dann war das Seminar plötzlich vorbei. Stühle rückten, Menschen standen auf. Auch die anderen wirkten benommen, manche mit glasigen Blicken, manche mit einem unnatürlichen Lächeln. Dörfler blinzelte, als erwache er aus einem Traum. In seiner Hand hielt er ein Dokument, einen Vertrag, bereits unterschrieben.
Verwirrt starrte er auf den Zettel. Die Hälfte der Blätter glitt wie von selbst in einen Korb.
War das seine Hand? Warum tat sie das?
Seine Beine trugen ihn weiter. Er starrte auf die restlichen Blätter in seiner Hand. Dann sah er die Rechnungssumme. Ein Betrag, der seine Ersparnisse fast aufbrauchte.
»Hab ich das …?«, murmelte er.
Er konnte sich nicht erinnern, den Vertrag in die Hand genommen, geschweige denn ihn unterschrieben zu haben. Die Unterschrift wirkte fremd, fast so, als habe sie jemand anderes geführt.
Doch etwas in ihm sprach von Erfolg und Zukunft. Von einem großen Haus und einem teuren Auto …
Er zuckte mit den Schultern.
Da es seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern würde, war es wohl kein Problem, dass das Jobcenter das übernahm.
Eine ungewohnte Zuversicht breitete sich in ihm aus, warm, berauschend, und doch mit einem winzigen, kaum greifbaren Beigeschmack von Furcht. Er redete sich ein, den Jackpot gefunden zu haben und dass seine Karriere nun bald durch-starten würde. Und damit lohnte sich jeder Cent, redete er sich ein.